Interview mit Hebamme Theres Waldmüller zu Corona

Hebamme Theres Waldmüller

im Gespräch mit Julia Magenau

Liebe Theres, ich freue mich, dass Du es Dir in diesen turbulenten Zeiten in Bezug auf die Corona-Krise einrichten kannst, ein Interview mit uns zu führen! Würdest Du Dich uns bitte kurz vorstellen und uns sagen, wer Du bist und was Du machst?

Ja sehr gerne, Ich heiße Theres Waldmüller und bin Hebamme. Ich bin 51 Jahre alt, ich habe selber drei Kinder, die ich zu Hause geboren habe und bin seit über 30 Jahren, seit 1988 um genau zu sein, leidenschaftlich gerne Hebamme. Ich war kurz im Krankenhaus tätig, im Anschluss dann lange im Geburtshaus in Berlin. Seit sechs Jahren bin ich ausschließlich in der Hausgeburtshilfe für das Geburtshaus in München tätig. Wir sind ein Team aus mehreren Hebammen, sodass wir uns gegenseitig unterstützen und vertreten können. Zudem bin ich auch in der Nachsorge als Hebamme tätig. (Anmerkung: Theres Waldmüller ist im Landkreis Weilheim in Oberbayern als Hebamme ansässig).

Kannst du zählen, wie viele Babys du schon auf die Welt gebracht hast?

Selbst auf die Welt gebracht habe ich natürlich nur meine drei eigenen Kinder 😊. Die Frage ist eher, wie viele Geburten ich schon begleitet habe. Natürlich habe ich als Hausgeburtshebamme deutlich weniger Geburten begleitet als eine Klinikhebamme. In der Hausgeburtshilfe hat man in der Regel zwischen 30 und 50 Geburten pro Jahr. Aber bei 30 Jahren „im Dienst“ dürften es auch schon zwischen 1.000 und 1.500 Geburten sein.

Kannst Du unseren Zuhörerinnen erklären, wie sich eine Hausgeburt von einer Geburt im Geburtshaus unterscheidet bzw. von einer Geburt in der Klinik?

Wichtig ist erst einmal die Unterscheidung zwischen der außerklinischen Geburtshilfe und der Geburtshilfe in der Klinik. Mancher Unterscheid zeigt sich schon bei der Wortwahl: Also ich selbst sage zum Bespiel: Ich „betreue Frauen unter der Geburt“ und sage nicht „Ich entbinde Sie“ 😊, ich spreche also nicht von der Entbindung. Denn die Entbindung ist ja letztendlich etwas Passives. Entbinden ist etwas, was im Krankenhaus natürlich ein Teil der Geburtshilfe ist. Die Hebammen können in der Klinik oft gar nicht so auf die werdenden Mamas eingehen, so dass letztendlich in der Klinik die wenigsten Frauen ohne medizinische Intervention, sprich also ohne einen Eingriff, ihr Kind bekommen. Bei den Erstgeborenen sind es weniger als 20 Prozent!

In der Klink ist es zudem so, dass statistisch gesehen sehr wenig Frauen Ihr Kind in einer aufrechten Position bekommen und somit leider auch oft in dem Zusammenhang der Verletzungsgrad bei einer Geburt einfach höher ist.

In der außerklinischen Geburtshilfe steht im Vordergrund die 1:1 Betreuung, sprich also eine Hebamme begleitet eine Frau auf ihrem Weg unter der Geburt. Wichtig ist uns auch, dass die Frau die Hebamme vor der Geburt schon kennt und sie einen Teil der Vorsorgeuntersuchungen schon gemacht hat und weiß, was die Frau braucht und Sie im Miteinander begleitet. Daraus ergibt sich einfach, dass die Frau viel Zuspruch bekommt und die Frau so viel mehr im Vordergrund stehen kann.

Ich zum Beispiel ermutige die Frauen viel, viel mehr zu einer aufrechten Sitzposition. Ich habe da immer das Bild einer Bergtour: Hinauf auf dem Berg müsst ihr selbst, ich als Hebamme bin Eure Bergführerin. Ich trage euch nicht, aber ich begleite Euch und sichere Dich. Und ich sage Dir notfalls, wo Du deinen Fuß hinsetzen musst. Manchmal gibt auch den Fall, dass man eine Bergtour wegen schlechten Wetters abbrechen muss. Da unterscheidet sich im Wesentlichen die außerklinische Geburt von einer Geburt im Krankenhaus.

Zwischen einer Geburt im Geburtshaus und einer Geburt in der Klinik ist kein so großer Unterschied. Für manche ist es das Gefühl leichter, in eine Institution zur Geburt zu gehen – vor allem auf Männer ist der Schnitt leichter als der, für die Geburt zu Hause zu bleiben. Das Schönste an der Hausgeburt ist, dass man dann nach der Geburt nirgendwo mehr hin muss, sondern einfach schon da ist – bei sich daheim im eigenen Bett. Und der ganz große Unterschied ist einfach, dass man zu Hause unter der Geburt weniger gestört wird. Das ist in der Klinik einfach häufiger der Fall: Da muss ein CTG geschrieben werden, da muss der Blutdruck gemessen werden, da muss die Temperatur gemessen werden, dann kommt jemand rein und hat eine Frage oder untersucht. Oft bringt das die Frauen aus dem Konzept. Es ist ein wenig wie beim Sex: Wenn das Telefon währenddessen 8x klingt denkt man irgendwann: Wir lassen es für heute mal lieber 😊. Das geht bei der Geburt leider nicht, da muss man dann weitermachen.

Ich würde gerne mit Dir über das Thema Corona und Schwangerschaft und Geburt sprechen. Kannst Du uns als Hebamme sagen, welche Risiken der Coronavirus für Schwangere hat: Hast Du da ein Statement dazu?

Im Moment sind wir ja alle gleich große Experten, denn jeder liest viel. Es scheint zu sein, dass die Übertragungsrate sehr gering ist und wenn man sich ansteckt die Krankheit wohl sehr mild verläuft – man sagt ein grippeähnlicher Verlauf. Die schwangeren Frauen sind einfach aufgrund des Alters gut geschützt, gleiches gilt für die Kinder. Es gibt – so mein Stand -einen schweren Fall in eine Klinik in England, ansonsten kenne ich zum derzeitigen Stand keine schwierigen Verläufe mit Corona.

Aber: Eine Grippe mit Fieber kann natürlich zu vorzeitigen Wehen und somit auch zu einer Geburt führen. Wichtig, wenn das Baby da ist: Stillen, Stillen und nochmals Stillen! Wir haben ja auch ohne Corona immer wieder Viren, zum Beispiel durch eine Grippe, die sind ja immer um uns herum. Und mit allen Viren, mit denen das Kind Kontakt hat, hat die Mutter logischerweise auch Kontakt. Aber: die Mutter bildet Antikörper und durch Muttermilch, die sie durch das Stillen dem Kind gibt, ist das Kind gut geschützt.

Siehst du denn dann auch das Risiko für das Neugeborene minimal?

Ja, das Risiko für das Neugeborene sehe ich relativ minimal. Und auch wichtig: Weniger Leute in der Familie und in der Familie bleiben: keine Krankenschwester, kein Kinderarzt: je weniger Menschen das Kind in der Hand haben, desto geringer das Risiko. Bei mir als Hebamme ist es jetzt einfach so: Ich habe die sowieso die Auflage zum Händewaschen und Hände desinfizieren und muss jetzt im direkten Kontakt einen Mundschutz tragen.

Wie darf ich mir Dich jetzt bei einem Hausbesuch vorstellen? Wie gehst du hin, machst du was anderes als vorher? Also mehr als Händewaschen und desinfizieren?

Im im direkten Kontakt trage ich jetzt einfach den Mundschutz. Ein paar Sachen mache ich schon noch anders. Zum Beispiel habe ich früher immer ein Öl fürs Baby mitgebracht, das mache ich jetzt nicht mehr. Da bitte ich jetzt vorab immer darum, Ihr Eigenes Öl zu verwenden. Aber ansonsten ist es ja so, dass ich ja letztendlich das größte Risiko bin.

Bei mir ist es ja nicht so heftig, ich gehe ja nicht alle zwei Minuten zu einer anderen Frau: Wenn ich eine Frau verlasse nach dem Hausbesuch, steige ich ins Auto oder aufs Fahrrad und bin erst mal wieder unterwegs, sodass ich sozusagen auslüfte und dann hoffentlich keine Viren mitbringe.

Machst Du Dir Sorgen um Dich?

Ich bin gut abgehärtet! Ich bin das ganze Jahr täglich– auch im Winter – im See schwimmen gewesen, wenn auch manchmal nur kurz 😊 ich bin also fit!

Hat sich für die Hausgeburt in Zeiten von Corona aus Deiner Sicht etwas verändert?

Nein, bisher nicht. Ich habe ein wenig das Problem der Materialbeschaffung: Geburtsscheren zum Beispiel bekomme ich gerade nicht geliefert. Aber ich habe noch einen Vorrat! Sonst machen wir es aufgrund der Lieferschwierigkeiten wieder wie in alten Zeiten, wenn es dumm kommt: Selber Sterilisieren, sprich auskochen und im Backofen ein zweites Mal sterilisieren 😊. Aber ansonsten ist bei mir alles gleich. Außer für die Eltern ist es mit der Anmeldung des Babys ein bisschen schwieriger geworden bei einer Hausgeburt, weil man nicht mehr direkt aufs Standesamt gehen kann, sondern jetzt einen Termin vereinbaren muss. Aber das sind aus meiner Sicht Kleinigkeiten. Ich erlebe gerade jetzt die Frauen als sehr froh. Sie genießen es, dass sie zu Hause sind, weil sie so einfach auf ihrer Insel bleiben können. Zuhause sind Sie geschützt und kein Besuch kann auch entspannend sein! Ich kann von meinen Frauen nur berichten, dass Sie in diesen Zeiten bisher alle ganz froh waren, eine Hausgeburt gewählt zu haben. Ich verstehe ehrlich gesagt nicht so Recht, warum die Frauen immer noch so in die Klinik gehen und sich nicht jetzt erst recht für eine Hausgeburt entscheiden.

 

Kannst Du feststellen, dass die Zahl der Hausgeburten ansteigen, kennst Du die Zahlen oder kannst du von Dir selbst einen Anstieg an Hausgeburten berichten?

Die außerklinischen Geburten sind gestiegen aber vor allen Dingen durch Geburten in Geburtshäusern, die zugenommen haben, vor allem im städtischen Raum. Hausgeburtshebammen gibt es ja nur um die 700 in ganz Deutschland. Das ist eine sehr kleine Zahl und wir haben hier im Großraum München noch einen sehr großen Radius, wir sind hier also alle noch gut aufgestellt. Aber ich habe gut zu tun!

Kannst du berichten, wie die U-Untersuchungen nach der Geburt durchgeführt werden? Gehen die Mamas mit den Neugeborenen noch zum Kinderarzt?

Meistens kommt der Kinderarzt nach Hause. Oder auch der Hausarzt. Die meisten Mütter haben keine Lust, mit so einem kleinen Wesen in die Kinderarztpraxis zu kommen.

Das heißt, dass der Kinderarzt zu dem Neugeborenen nach Hause kommt und die Untersuchung dann zu Hause stattfindet.

Ja genau, oder die Hausärzte machen das zum Teil. Die, die es eh ganz gerne machen, kommen auch jetzt nach Hause und führen die U-Untersuchung durch. Manche Praxen regeln das auch mit Sonderterminen für Mamas mit Ihren Neugeborenen.

Was schlägst du vor zum Thema Geschwisterkinder in den Zeiten von Corona? Kannst du dazu was sagen, wenn es im Haushalt ein zweites, ein drittes, ein viertes Kind ist, wie soll und kann man damit umgehen?

So lange die Kinder nicht offensichtlich krank sind, ist es wie immer.

Und selbst wenn ein Kind krank sind ist, ist es schwierig!. Du kannst als Mama fast gar nicht anders, es ist sehr schwierig, andere Kinder zu isolieren. Du kannst ja nicht immer ein Auge darauf haben. Und du kannst ja auch nicht das Baby busseln und alle anderen Kinder nicht. Und wenn dich ein Kind mit Rotznase küsst, dass ist das so. Man kann versuchen, es zu vermeiden, aber das ist innerhalb der Familie sehr schwer. Aber wie gesagt, alle Viren, die so zu Hause sind, hat die Mutter natürlich auch bekommen, sich damit auseinandergesetzt und Antikörper gebildet. Das ist wie in der normalen Erkältungszeit.

Das Thema Väter mit in den Kreißsaal, Väter bei der Geburt nicht mit in den Kreißsaal, Väter bei der Geburt nicht mit dabei umtreibt viele unserer Hörer und Hörerinnen. Was kannst du uns aktuell zu diesem Thema sagen?

Scheinbar gibt es viele Krankenhäuser, die inzwischen die Väter nicht mehr reinlassen. Was ich ehrlich sagen unmöglich finde, denn es ist ja nicht so dass der Personalschlüssel höher ist in den Krankenhäusern! Im Gegenteil: Wir haben ja weniger Leute, die Die Frau betreuen. In Zeiten von Colonna gibt es da eher Engpässe. Ich verstehe es überhaupt nicht, denn es ist ja leider ein Fakt, dass häufig aus Zeitmangel – nicht weil die Hebammen unwillig sind – sondern weil sie es oft nicht schaffen, die Frauen nicht adäquat betreuen können und einfach ganz viel Betreuungsarbeit an die Männer abgegeben wird. Und wenn es die Männer jetzt nicht da sind müssen die Frauen es alleine machen. Ich finde es wirklich schrecklich!

Wir gehen hier einen großen Schritt zurück. Mich wundert es, dass die Frauen nicht mehr auf die Barrikaden steigen und sagen: Das machen wir nicht mit! Aber die Not ist ja einfach schon zu groß, die Frauen sind froh, eine gute Geburtsklinik gefunden zu haben, dass die Frauen auch solche Sachen über sich ergehen lassen

Dürfte man sich widersetzen?

Eigentlich, wenn ich so nachdenke, weiß ich nicht ob ein Krankenhaus dich ablehnen darf. Aber ich glaube du machst es, weil du ja abhängig bist. Du willst ja keine „renitente Patientin“ sein und dann schauen schon alle auf dich und denken: „Ach Gott, die hier!  Und die Frauen haben Angst, das Sie dann schlechter behandelt werden. Das war ja auch vor Corona-Zeiten schon so, dass man Angst hatte „rentitent“ zu sein und deswegen schlechter behandelt werden könnte. Ich kann nicht sagen ich würde es mir wahrscheinlich dann ein Haus suchen, in dem der Vater mitgehen kann. Interessant wäre dann auch die Zahl der Alleingeburten, also diejenigen, die komplett ohne Hebamme alleine zu Hause entbinden. Die Zahlen würden mich interessieren.

Wahrscheinlich gibt es dazu keine Erkenntnisse, weil das ja statistisch nicht erfasst wird.

Ja das stimmt, weil das Standesamt keine darüber hat.

Liebe Theres, dann sage ich ganz herzlichen Dank Dir für das Gespräch! Danke, dass Du Dir in diesen turbulenten Zeiten für uns Zeit genommen hast! Dir weiterhin alles Liebe und blieb gesund!

Julia Magenau ist Marketing- und Sales Consultant für viMUM.