Interview mit Dr. Doerdelmann

Dr. Michael Dördelmann

im Gespräch mit Teresa Wischnewski

Lieber Micha, wie schön, dass du dir trotz Corona die Zeit nimmst, kurz mit uns zu sprechen. Stell dich doch vielleicht erstmal unseren ViMUM Muttis vor. Wer bist du und was machst du?

Ja, sehr gerne. Ich heiße Michael Dördelmann, ich leite die Kinderklinik in Flensburg. Das ist eine der größten Kinderkliniken in Schleswig-Holstein. Wir haben unter anderem auch ein maximales Versorgungszentrum für die Versorgung von Neugeborenen. Man nennt das Level 1 Zentrum. Und ich mache das jetzt seit elf Jahren.

Und und hast schon viel gesehen in diesen elf Jahren wahrscheinlich?

In diesen elf Jahren habe ich schon sehr viel gesehen. Wir versorgen hier in unserer Klinik im Grunde alle Erkrankungen des Kindesalters – vom ganz frühen Alter wenn Kinder geboren werden und von kleinsten Frühgeborenen bis zum 18 jährigen Kind. Im Grunde alle Erkrankungen.

Warum hast du dich für den Beruf des Kinderarztes entschieden und warum bist du nicht Orthopäde geworden?

Was mir bei Kindern besonders Spaß macht ist dass sie so direkt sind. Sie sind völlig unverstellt. Man bekommt immer direkt den Spiegel vorgehalten und ist sozusagen immer online in der Medizin – das finde ich sehr schön. Ich selber kann auch ein bisschen Kind sein und muss nicht zu viele Regeln befolgen. Das ist etwas was mich an der Kindermedizin wirklich sehr erfreut. Der zweite Grund, warum ich die Kindermedizin gewählt habe, ist, dass die Erfolge vergleichsweise gut sind im Verhältnis zu Erwachsenen.  Bei sehr vielen Erkrankungen kann man Kinder wirklich gut helfen, das heißt sie verlassen in der Regel gesund das Krankenhaus. Das ist natürlich eine sehr erfrischende Arbeit.

Das kann ich mir vorstellen. Willst du uns einmal von einem Erlebnis berichten was Dich geprägt hat und wo Du Dich immer gerne zurückerinnern kannst? Fällt Dir spontan etwas ein?

Es gibt sehr, sehr viele ganz schöne Erlebnisse im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit. Was immer sehr schön ist, wenn man Kindern hilft, auf die Welt zu kommen. Mein Spezialgebiet ist die Neonatologie, das heißt ich versorge besonders Neugeborene und Frühgeborene.

Und da ist es wirklich sehr schön das erste Mal ein Kind auf der Welt zu sehen. Dass es die Augen aufmacht, das erste Mal atmet, es das erste Mal auf die Brust der Mutter zu legen und die Freude zu sehen. Das ist schon eine tolle Sache. Es gibt natürlich auch viele andere tolle Erlebnisse, wenn man Kinder krank aufgenommen hat und wenige Tage manchmal auch Wochen später gesund und lachend von den Stationen gehen sieht, das ist wirklich sehr erfüllend.

Wie schön! Lass uns aus aktuellem Anlass ein bisschen über Corona sprechen. Es ist ja leider ein Thema, was auch wirklich viele Schwangere gerade bewegt.

Und genau da fangen wir mal direkt an. Die wichtigste Frage ist: Kann das Virus vorzeitige Wehen auslösen? Also eine Mutter ist mit dem Coronavirus infiziert. Könnte es vorzeitige Wehen auslösen? Gibt  es dazu schon irgendwelche stichhaltigen Anhaltspunkte in der Medizin?

Das Problem generell ist, dass wir noch nicht so viel wissen über das neuartige Coronavirus. Wir kennen es ja erst seit Oktober/November. Es gibt tatsächlich einige Daten zu Schwangeren und Schwangerschaften. Bisher ist nicht bekannt, dass eine Coronavirus-Infektion vorzeitige Wehen auslösen kann. Rein theoretisch könnte man sich das vorstellen, wenn eine Mutter sehr schwer erkrankt ist, was bisher allerdings nicht dokumentiert ist. Sehr wahrscheinlich wird eine Coronavirus- Infektion keine vorzeitigen Wehen hervorrufen.

Das sind ja schon mal gute Nachrichten. Wenn ich mit dem Coronavirus als werdende Mutter infiziert bin, kann es über den Mutterleib auf das ungeborene Kind übertragen werden?

Dazu gibt es bisher keinerlei Hinweise, dass es eine sogenannte vertikale Übertragung gibt. Das heißt: von  Mutter auf Kind auf Blutwegen während der Schwangerschaft gibt es bisher keinen einzigen beschriebenen Fall.

Auch eine schöne Nachricht. Gibt es in der derzeitigen Situation spezielle Vorkehrungen die während einer Geburt getroffen werden? Vielleicht auch mal normale Geburt oder auch Kaiserschnitt? Wird vielleicht sogar ein Kaiserschnitt gemacht, wenn ich nachweislich mit dem Virus infiziert bin?

Nein. Generell kann eine werdende Mutter damit rechnen, selbst wenn sie eine Corona-Infektion hat, dass sie eine normale Geburt machen kann. Es gibt keinerlei Indikationen oder Notwendigkeit einen Kaiserschnitt zu machen. Die Mutter kann auf normalem Wege entbinden. Und die besonderen Vorsichtsmaßnahmen ergeben sich im Wesentlichen aus den Hygiene-Maßnahmen, die innerhalb des Krankenhauses getroffen werden. Die sind schon besonders notwendig, um dort insbesondere das Personal keiner Infektion auszusetzen. Da gelten die gleichen Maßnahmen wie für alle anderen Patienten: das heißt, es werden bestimmte Islolations-Maßnahmen mit Masken und Schutzkleidung vorgenommen. Für die Mutter macht es im Grunde keinen Unterschied. Die Mutter kann auch nach der Geburt das Baby direkt auf die Brust bekommen, wenn das Baby keine Probleme hat.

Da auch eine ganz häufig gestellte Frage an der Stelle: Dürfen in der Diako in Flensburg aktuell die Väter noch mit in den Kreißsaal, weißt du das?

Ja. In der Diako dürfen die Väter noch mit rein. Väter und Geschwisterkinder. Aber das kann sich jederzeit ändern. Es ist auch denkbar, wenn die Zügel sehr scharf angezogen werden, dass man nur noch Mütter in den Kreißsaal lässt. Aber das ist tatsächlich der letzte Weg. Ich denke, man wird das sehr lange aufrechterhalten, dass Väter zumindest mit in den Kreißsaal dürfen.

Wenn eine Mutter mit dem Virus infiziert ist, kann das Virus irgendwie dem Neugeborenen gefährlich werden?

Das weiß man noch nicht so genau. Es gibt einen regen Austausch zwischen Spezialisten und bisher gibt es keine Hinweise darauf, dass das Virus auf ein Neugeborenes übertragen werden kann. Es wird trotzdem empfohlen, dass die Mütter, die aktiv erkrankt sind, Mundschutz tragen. Aber die Babys sollen auf jeden Fall von der Mutter versorgt werden und Brustfütterung bekommen. Es läuft eigentlich alles wie immer – bis auf Mundschutz und Händewaschen durch die Mutter.

Es ist tatsächlich so, dass Neugeborene wie Säuglinge auch erkranken können. Es ist sehr selten und bisherige Erkenntnisse führen nicht dazu, dass man Kinder von den Müttern trennt. Bisher ist es eindeutig so, dass der Vorteil durch mütterlichen Kontakt und Stillen deutlich die potenziellen Nachteile, die bisher nicht bewiesen sind, in irgendeiner Form aufwiegen.

Damit hast du die nächste Frage eigentlich schon beantwortet, nämlich ob das Virus beim Stillen übertragen werden kann? Nein, wenn ich jetzt richtig zugehört habe.

Korrekt, es ist gibt keinen beschriebenen Fall, dass das Virus über die Muttermilch übertragen wird. Die einzige Möglichkeit den Virus zu übertragen ist über Schleimhautkontakt. Das heißt, per Tröpfcheninfektion, über Spucke oder Atem-Aerosole, die auf den Schleimhäuten des Babys landen, ist eine Infektion möglich.

Wie verhalte ich mich jetzt als Mutter eines Neugeborenen wenn ich den Verdacht habe, dass ich mich angesteckt habe?

Das Wichtigste in der Situation ist, dass die werdende Mutter zunächst mit dem Frauenarzt Kontakt aufnimmt und dann je nach Phase, in der sie sich befindet, in der Schwangerschaft gegebenenfalls auch im Krankenhaus. Die Mutter muss keine besondere Angst haben, weder für den Verlauf der Schwangerschaft, noch für das Baby, noch für die Geburt, noch für sich selber. Die einzigen Unterschiede ergeben sich für die Behandler. Das heißt für den Frauenarzt, der die Mutter dann untersucht, wenn sie Verdacht hat oder sogar positiv ist, als auch für das Krankenhaus, die müssen entsprechende Vorsichtsmaßnahmen für Mutter und Personal vornehmen, das ist alles.

Das sind eigentlich sehr viele gute Nachrichten finde ich. Vielleicht kannst du uns noch ein paar spezielle Verhaltensregeln an die Hand geben. Wenn ein neuer Erdenbürger das Licht der Welt erblickt, wollen natürlich viele das Baby ja sehen und bestaunen.Was sollte man da beachten? Aktuell sollen ja ohnehin alle zu Hause bleiben, aber vielleicht will doch die Oma oder der Opa kommen, das Baby angucken. Was kannst du Müttern aktuell raten?

Wie du schon sagst, im Moment gelten ja besondere Verhältnisse. Wenn die Familie ohne jeden Hinweis oder Verdacht auf eine Corona-Virusinfektion ist, dann kann zuhause auch Großeltern dazu holen.

Wenn es aber auch nur annähernd irgendeine Problematik ergibt, dann würde ich zur Zeit diese Dinge lieber nach hinten schieben. Im Moment ist es nicht untersagt, aber auch nicht empfohlen, dass Menschen, auch Familienmitglieder ersten Grades, zusammentreffen. Vor allem zum Schutz der Älteren.

Wir sagen vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast!

 

Teresa Wischnewski ist Marketing- und Sales Consultant für viMUM.