Interview mit Tina, 38. SSW, zum Thema Geburt unter Corona

Tina, 38. SSW zum Thema Geburt unter Corona

im Gespräch mit Julia Magenau

Liebe Tina, stell dich doch bitte unseren Zuhörern einmal kurz vor.

Ich heiße Tina, Ich bin 38 Jahre alt und in der 38.Schwangerschaftswoche, es ist also nicht mehr lang hin!

Wie viele Kinder hast du denn bereits?

Ich habe schon ein Kind, ich bekomme jetzt das zweite Kind. Ich habe einen Jungen und bekomme noch einen Jungen.

Kannst du einen Unterschied ausmachen zur ersten Schwangerschaft? Das wäre für uns interessant.

Der Unterschied zwischen der ersten Schwangerschaft ist, dass man einfach nicht mehr „so schwanger“ ist wie bei der ersten Schwangerschaft und man sich hauptsächlich auf das erste Kind konzentriert – vielleicht auch noch auf die Arbeit. Die zweite Schwangerschaft und das zweite Kind muss dann einfach so mitlaufen. Man muss für sich selbst versuchen, ein wenig Zeit für sich zu haben. Zeit, in der man ein wenig in sich reinspüren kann, um die Schwangerschaft bewusst wahrzunehmen. Ich glaube, dass ist der hauptsächliche Unterschied. Das erste Kind fordert einen 😊 und das merkt man schon sehr.

Wie fühlst du dich denn bei dem Gedanken an die bevorstehende Geburt?

Wir haben im Allgemeinen gerade ein bisschen schwierige Zeiten hinter uns. Wir sind noch umgezogen vor meinem Mutterschutz – das war echt stressig. Zwischenzeitlich dachte ich mir: Ach, am liebsten hätte ich doch einen Kaiserschnitt, ich schaffe das alles gar nicht, schon gar nicht die Geburt. Ich war einfach so platt. Man muss ja für eine Geburt physisch und psychisch gut drauf sein. Dieses Gefühl hatte ich bei der ersten Schwangerschaft überhaupt nicht. Zwischenzeitlich habe ich mir wirklich gedacht: Wie schaffe ich das eigentlich alles? Zu diesem Zeitpunkt – genau mit diesen Gedanken – lag witzigerweise unser kleiner Mann dann auch falsch herum, nämlich in der Beckenendlage. Auch daran – so glaube ich zumindest – kann man gut erkennen, wie die eigene Psyche sich doch auf das Kind übertragen kann: Was man selber denkt überträgt sich doch irgendwie 😊 Mittlerweile hat sich das Gottseidank alles ein bisschen normalisiert und eigentlich wünsche ich mir jetzt schon eine spontane Geburt. Das hat natürlich auch etwas mit der aktuellen Lage in Bezug auf Corona zu tun hat. Das spielt für mich schon eine Rolle.

Du hast eine äußerliche Wendung vornehmen lassen, da dein Baby in der Beckenendlage gelegen hat. Magst du uns einmal erklären, was eine äußere Wendung ist und aus Sicht einer werdenden Mama beschreiben, wie sich das anfühlt?

Eine äußere Wendung kann man durchführen, wenn das Kind in Beckenendlage liegt und man möchte, dass es sich umdreht. Warum macht man das? Wenn man den Wunsch hat, sein Kind „normal“ zur Welt zu bringen und keinen Kaiserschnitt wünscht, entscheidet man sich oft dafür. Man kann sein Kind auch in der Beckenendlage gebären, man muss da jedoch dazu sagen, dass das ein Risiko ist und das nicht jede Klinik hier in Deutschland anbietet. Dafür muss man sich dann eine entsprechende Klinik suchen. Die äußere Wendung läuft so ab: Die meiste Zeit geht es um die Kontrolle des Kindes und es wird immer ein CTG gemacht. Es sind immer zwei Ärzte dabei, also zwei Hände, die für den Popo zuständig sind, um den Popo quasi aus dem Becken raus zu heben. Der andere Arzt ist mit seinen Händen für den Kopf des Babys zuständig. Beide Ärzte zusammen führen Sie das Kind im Bauch so, dass es sich am Ende dann richtig dreht und der Kopf dann unten liegt: So die Theorie. Die Ärzte sagen auch, dass Sie sehr schnell merken, wenn die äußere Wendung gelingt. Auch als Schwangere merkt man selbst sehr deutlich, wo das Kind gerade liegt und wie weit man ist. Bei mir war es Gottseidank so, dass das relativ gut ging und auch schnell vorangingen und ich für mich einfach gemerkt habe: Da geht was! Das kann ich jetzt auch aushalten, denn es war schon schmerzhaft und nicht angenehm. Es hat ca. drei bis fünf Minuten gedauert. Aber – so ich denke – ist es durchaus aushaltbar, wenn man sich eine spontane Geburt wünscht und sich für diesen Schritt entscheidet. Bei mir hat es geklappt! Unser kleiner Mann hat sich umgedreht und darüber bin ich sehr froh!

Vielen Dank dass du da so offen und ehrlich bist. Was ich jetzt noch gerne von Dir wissen möchte: Welche Gefühle begleiten Dich gerade in Bezug auf das Thema Corona und die bevorstehende Geburt?

Es war für mich irgendwie ein komischer Gedanke, gerade weil mein Baby ja auch in Beckenendlage lag. Darüber habe ich mir sehr viele Gedanken gemacht, gerade in Bezug auf einen Kaiserschnitt. Mein Gedanke war: Mit einem Kaiserschnitt muss ich vielleicht länger in der Klinik bleiben, will ich das? Der Gedanke um meinen Klinikaufenthalt hat mich eigentlich am meisten beschäftigt in dieser Zeit, gerade weil ich ja wegen dem Virus meinen Klinikaufenthalt flexibel für mich gestalten wollte: Bleibe ich nach der Geburt da oder gehe ich ambulant nach Hause. Wie viele Geburten und Wöchnerinnen sind da gerade, wie ist das mit dem Vater unter der Geburt, wie viele Wöchnerinnen liegen da, wie ist die Belastung überhaupt in der Klinik? Solche Fragen haben mich beschäftigt. Ich habe einfach Angst, dass unser Gesundheitssystem dem nicht standhält und dass es einfach.

Ich merke an: Mit einem Kaiserschnitt müsstest du länger in der Klinik bleiben und bei einer spontanen Geburt könntest du entscheiden, wann du gehen magst: Wenn es Dir dementsprechend gut geht, dann kannst Du ambulant nach Hause geht. Ambulant bedeutet: Direkt nach der Geburt Deine Sachen packen und wieder heim gehen.

Genau, dann liegt es nach der Geburt an mir zu sagen Mir geht es einigermaßen gut oder mir geht es nicht so gut: Ich will nicht nach Hause und bleibe in der Klinik. Wie sicher fühle ich mich? Eventuell habe ich ja  auch das Gefühl, ich entlaste hier alle wenn ich nach Hause gehe. Mal sehen! Da macht man sich dann schon sehr, sehr viele Gedanken.

Aber nichts desto trotz denke ich: Ich bin da einfach postiv. Man weiß nie, wie es sein wird. Man muss einfach vom Kopf her frei sein weil es nichts bringt, sich so viele Gedanken zu machen. Angst bringt einem auch nichts, denn da blockiert man sich selbst. Ich glaube, dann wird die Geburt nicht leicht!

Du hast es ja wahrscheinlich selbst mitbekommen. In einigen Kliniken in Nordrhein-Westfalen wurde entschieden, dass die Männer bei der Geburt aufgrund des Coronavirus nicht mehr dabei sein dürfen. Hier bei uns in Bayern ist es noch nicht soweit. Wie stehst du zu dem Thema, dass dein Mann bei der Geburt nicht dabei sein darf aufgrund der aktuellen Situation wegen Corona?

Der Gedanke ist einfach nicht schön! Ich denke dabei nicht nur an mich, sondern auch an die Hebammen vor Ort. Für die sind die Männer ja oft auch eine große Entlastung. Wenn die Hebammen jetzt auch noch für alle Kleinigkeiten sorgen müssten, die sonst die Männer übernehmen, fehlt es Ihnen noch mehr an Personal. Ich finde schon, dass die Männer eine Entlastung sind. Ich weiß, dass das nicht alle so sehen 😊

Und natürlich ist für mich die Vorstellung, alleine unser gemeinsames Baby auf die Welt zu bringen überhaupt nicht schön. Das würde ich mir sehr wünschen, dass mein Mann bei diesem wunderbaren Ereignis dabei sein könnte und das mit mir teilt. Was mich auch umtreibt: Derzeit ist es aktuell leider nicht erlaubt, dass Kinder zu Besuch kommen können. Das finde ich auch sehr schade für unseren „großen Sohn“, da ja nun bald ein großer Bruder wird. Normal wäre ja ein „erstes Kennenlernen“ des neuen Erdenbürgers in der Klinik. Das fällt nun weg. Auch schade finde ich, dass wenn ich in der Klinik bleiben möchte oder muss, dass ich mein anderes Kind nicht sehen kann. Ein komisches Gefühl! Und schon schade irgendwie! Aber wichtiger ist mir, dass der Mann dabei sein kann.

In Nordrhein-Westfalen ist es ja sogar soweit, dass die Väter dann auch die Neugeborenen nicht besuchen dürfen. Das bedeutet, Du hast auch anschließend keinen Besuch durch deinen Mann. Egal ob Kind dabei oder nicht.

Die sind da noch einen Tick weiter gegangen scheinbar. Was ich mir nicht vorstellen kann: Wer hilft einem denn dann mit dem Kind, wenn man zum Beispiel einen Kaiserschnitt hat. Es hat ja auch vorher schon keine 1:1 Betreuung gegeben, wie ist das denn jetzt, wenn der Partner nicht da ist. Da mache ich mir schon Gedanken. Ich hätte ihn schon gern dabei, mal wickeln, mal duschen – solche Dinge, Das kann das Klinikpersonal überhaupt nicht auffangen und soll es ja auch nicht. Ich hatte zwischenzeitlich tatsächlich mal überlegt, ob ich eine Hausgeburt mache. Aber ich bin ja schon ziemlich weit, mich hat die Frage umtrieben, ob ich da überhaupt noch eine Hebamme finde? Hausgeburtshebammen gibt es ja nur wenige. Aber letzten Endes habe ich mich dagegen entschieden: Ich möchte für mich und mein Kind aufgrund der medizinischen Versorgung in einer Klinik entbinden.

Super Tina! Danke, dass Du Dir die Zeit genommen hast, mit uns zu sprechen. Wir würden uns freuen, wenn wir noch ein weiteres Gespräch mit Dir in den nächsten Tagen führen könnten was sich bei Dir verändert hat, ob es neue Erkenntnisse in Sachen Corona in Bezug auf den Kreißsaal und Geburt gibt. Und dann freuen wir uns natürlich auch zu hören, wie es Dir bei der Geburt ergangen ist und was Du zu berichten hast. Alles Liebe Dir und Deiner Familie

Danke Euch auch! Und Danke auch an alle, die sich da draußen jetzt gerade sehr bemühen! Ich hatte auch letzte Woche schon das Gefühl, dass die im Kreißsaal und bei der Geburt alles gemacht wird, wie zuvor. Sie bemühen sich sehr, dass man von dem Thema Corona nichts mitbekommt. Sodass man hoffentlich „ganz normal“ sein Kind bekommen kann, ohne dass man da Angst haben muss. Ich glaube, das ist das Wichtigste!

Super, dass du das nochmal erwähnst: Das man das Gefühl hat, dass man ganz normal entbinden kann, ohne dass dieses Thema „Corona“ über einem schwebt, ist schön zu hören. Das du das Gefühl hast, doch In Ruhe und so entbinden zu können wie Du es möchtest, ist eine schöne Schlussaussage, finde ich.

Die Geburt fängt aus meiner Sicht im Kopf an und hört im Kopf auf und wenn man der Geburt mit ganz viel Angst begegnet hat das auch meiner Sicht nicht viel Sinn und: Es macht die Situation ja auch nicht anders – leider!

viMUM Newsletter